17 Jun
Hände

Resümee der Diskussion „Integration in Johannstadt – Kann das gelingen?

Datum: 09.06.16
Uhrzeit: 19 Uhr
Ort: Auditorium, Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG), Pfotenhauerstr. 108, 01307 Dresden

Johannstädter Einwohner und Experten, die im alltäglichen Leben direkt mit Menschen mit Migrationshintergrund zu tun haben oder zur Integration forschen, diskutierten gemeinsam Themen und Fragen einer erfolgreichen Integration. Christian Kurzke, Studienleiter der Evangelischen Akademie Meißen, moderierte die Veranstaltung.

Nach unserer ersten erfolgreichen Infoveranstaltung „Neue Nachbarn in Johannstadt – Hintergründe zu Flucht und Asyl“ am 17.02.2016 im CRTD haben wir bei der Organisation dieser Veranstaltung die Rückmeldung nach mehr Diskussion  berücksichtigt.

Während der Veranstaltung erhielten Gäste aus dem Publikum immer wieder Gelegenheit in der Diskussionsrunde selbst mit Platz zu nehmen und sich mit Beiträgen oder Fragen aktiv zu beteiligen und mitzureden. Dabei gab es nachdenkliche, kritische und auch berührende Stimmen. Über die Vorstellung der eingeladenen Podiumsgäste wurden vorhandene Spuren von Migration und Integration in Dresden/Johannstadt beleuchtet.

tafelbild integration

So sahen unsere Gäste die Chancen und Probleme der Integration

Frau Prof. Elisabeth Knust, Direktorin des MPI-CBG mit mehr als der Hälfte ausländischer Mitarbeiter, verdeutlichte, dass Wissenschaft keinerlei Grenzen kennt. Dafür steht das Konzept des Institutes: sehr gute Wissenschaft in Zusammenarbeit mit exzellenter Wissenschaft aus vielen Ländern.

Ronald Zenker, Mitglied des Vorstandes und Leiter des Christopher Street Days in Dresden, konnte ausgehend von der ersten Hilfe für vier homosexuelle Flüchtlinge in der EAE Bremer Straße von der deutschlandweit einzigen Etablierung einer LSBTI* Koordinierungsstelle im Freistaat Sachsen berichten. Homosexuelle Flüchtlinge sind besonderen Gefahren ausgesetzt. Jedoch sind auch deutsche Homosexuelle in unserer Gesellschaft immer noch nicht vollständig gleichberechtigt.

Johannes Dietze, Gefängnispsychologe in Dresden, machte klar, dass es zwischen straffällig gewordenen Deutschen und Ausländern keinen wesentlichen Unterschied gibt.

Mate Baksa-Soós, Sozialpädagoge der Jugendhilfe Dresden, verwies darauf, dass Jugendarbeit und Betreuung für die momentan ca. 300 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Dresden auf dem SGB VIII basiert.

Von Uta El Aomari, Betreuungslehrerin einer DaZ-Klasse an der 101. Oberschule, war zu erfahren, dass es bereits seit 1990 einen Lehrplan mit einer inklusiven Integrationskonzeption gibt. Demnach werden die Schüler über drei Etappen in den normalen Unterricht integriert. Schwerpunkt ist das Erlernen der deutschen Sprache sowie das Vermitteln von Werten und Landeskunde. Danach erfolgt der Unterricht in ersten Fächern in normalen Klassen bis zur vollständigen Integration.

Kerstin Klengel, Klassenlehrerin einer 7. Klasse mit insgesamt 27 Schülern, 15 davon haben verschiedene Nationalitäten. Ihr bereiten die größten Probleme, dass laufend neue Schüler in die Klasse kommen.

Laut Anne-Marie Kortas von der Hertie Stiftung, School of Governance, wird Integration als eine Ausbildung einer Wertegemeinschaft definiert, mit der Einbeziehung von Gruppen, die vorher nicht einbezogen waren. Das ist aber keine „Einbahnstraße“, in der sich eine Gruppe nur in die andere eingliedern muss. Integration erfolgt über vier Stufen:

(1) Kulturaktion – Sprache lernen und Werte der Gesellschaft kennenlernen,

(2) Zugang zum Arbeitsmarkt,

(3) Interaktion – soziales Kennenlernen und

(4) Identifikation als Deutscher.

Wenn dabei sowohl die ankommende als auch die einheimische Gruppe offen für die andere ist und beide Gruppen die gleichen Möglichkeiten der Teilhabe am Leben haben, kann Integration gelingen. Diskussionen darüber müssen erlaubt sein, aber gegen Fremdenhass und Rassismus muss vorgegangen werden.

Welche Probleme tauchen auf?

Probleme für eine erfolgreiche Integration sind dabei eine mögliche Überforderung der einheimischen Bevölkerung aufgrund der großen Anzahl flüchtender Menschen, die zu uns kommen. Auch deren schlechte Unterbringung in Lagern sowie vorhandene Vorurteile können überfordern. Die geflüchteten Menschen haben vielfach Probleme, weil sie keine Zeit hatten, sich auf Flucht und Einwanderung vorzubereiten. In diesem Zusammenhang erzählte eine Einwohnerin aus der Johannstadt, dass sie einen syrischen Flüchtling, der seine Familie verloren hat, bei sich zu Hause wie einen eigenen Sohn aufgenommen hat. Eine andere Einwohnerin gab zu bedenken, dass man Demokratie erst lernen muss, wenn man in einer Diktatur gelebt hat. Dadurch würden viele Probleme entstehen. Eine andere Einwohnerin bezweifelte, dass große Lager mit hohen Zäune bei der Integration helfen können.

Was können wir tun?

Alle Menschen sollen das gleiche Recht und die gleiche Hilfe bekommen, auch wenn sie nur für eine bestimmte Zeit in unserem Umfeld leben. Mate Baksa-Soós brachte es auf den Punkt: „Wenn unser Land den jungen geflüchteten Menschen keine Angebote macht, dann kommen die Leute vom Hauptbahnhof mit den Drogen. Uta El Aomari berichtete, dass sieben ihrer ausländischen Schüler dieses Jahr auf das Gymnasium wechseln konnten. In Schulen geht es nicht nur um Integration von Migranten, sondern auch um andere soziale Bereiche. Beispielsweise gibt es unter den Schülern Hierarchiekämpfe. Im MPI-CBG wird ausländischen Mitarbeitern der Gang zu Behörden erleichtert.

In den Erstaufnahmeeinrichtungen und auch in Wohnungen brauchen Geflüchtete Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung. Ein Gast aus dem Publikum schilderte das positive Beispiel einer Laufgruppe, bestehend aus ausländischen jungen Männern sowie deutschen Frauen und Männern.

Hilfe kann auch durch Mitarbeit in unserem Netzwerk geleistet werden – machen Sie mit!

Was bleibt zu sagen?

Natürlich sind auch Themen offengeblieben. Ein Einwohner mahnte zum Beispiel an, die Situation im MPI nicht auf die Situation im Wohngebiet zu verallgemeinern. Es wurde wieder über flüchtende und nicht mit geflüchtenden Menschen diskutiert. Auch eine noch größere Beteiligung der Johannstädter Einwohner ist wünschenswert. In zukünftigen Veranstaltungen wäre es gut, Einwohner, auch mit Migrationshintergrund und geflüchtete Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Einladungen und Veranstaltungen sollten deshalb mehrsprachig unterstützt werden.

Allen Diskussionsteilnehmern sowie dem Moderator danken wir sehr herzlich für die interessanten Beiträge und die Unterstützung unserer Veranstaltung.

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